|
|
|
Scene Wien
Auszüge einer Nacht
Lukys Bio E-Mails an LUKY:
|
Hirntot oder hirnlos, das ist die Frage Wie Ihr sicher alle wisst, ist es der Wahnsinn, der diese Welt bewegt. Nur der absolute Wahnsinn in den Gehirnen der etwas Andersartigen hält die Räder des Lebens am Laufen und treibt uns alle vorwärts. Würde es die irre vielfältigen Spinner nicht geben, wir würden noch immer vom Affenbrotbaum zur Bananenstaude hupfen oder wie Enten in den Seen nach lebendigem und unlebendigem Kleintier oder sonstigem Ungeziefer grundeln und nicht einfach in den Kühlschrank nach Omas knuspriger Schweinshaxe langen, samt den dazu gehörigen Pfefferonis, Radis und allem, was sonst noch das Furzen duftend und somit die Welt ein wenig erträglicher macht. Die Oberferngesteuerten sind es, die an die momentanen Unwahrheiten des Universums glauben und diese dem Zeitgeist entsprungenen Unmöglichkeiten so nach und nach möglich machen. Sie tun dies trotz allen Massenverlachs, der ihnen in der den Gehirnlosen eigenen, eisig kalten, weil so sicheren Überzeugung, brutal und ohne irgend welche Hemmungen, wohl auf immer und ewig, entgegen gerotzt wird. Sie lassen ihre Spinnereien wahrhaftig werden, gegen alle Überzeugungen, oft im ermürbenden Spießrutenlauf quer durch alle gesellschaftlichen Verhinderungsinstanzen und an allen Wichtigtuern der jeweiligen allwissenden Szene vorbei. Wir alle wissen dies, nahezu jeder bzw. jede von uns ist schon einmal zumindest so einem ganz kleinen Narren oder einer Närrin begegnet, den oder die keiner bzw. keine für ganz dicht gehalten hat und der oder die es dann auf seine oder ihre Weise allen, wirklich allen gezeigt haben. Huuuh, das war jetzt aber ne verdammt lange Einleitung. Bei meinem Deutschprofessor hätte ich dafür schon wieder einen Pinsch gezogen, ohne dass der den Aufsatz oder was immer auch nur zu Ende gelesen hätte. Meine Ausführungen waren dem immer zu anstrengend. Der Wirrkopf hat mir damals echt das Leben zur Hölle gemacht. Manche Lehrer sind ja richtige Kulturbanausen und stehen dem Neuen wirklich nur im Weg. Aber Ihr könnt sicher sein, dass gerade diejenigen, die ich meine, es nicht so sehen und sofort auf den Nachbarn zeigen werden. Wo wollte ich eigentlich anfangen? Ihr müsst wissen, ich wollte Euch eigentlich eine ganz andere Geschichte erzählen. Ich war bis jetzt mit dem Luky, seinem Sohn Alvin, meinem Brüderchen Gerry, dem Scharinger Fredl und seiner Zenzi schwer unterwegs und einen saufen. Jetzt ist es fünf Uhr in der Früh, alles ist dicht, kein Stoff mehr in der Umgebung und dort, wo es noch einen gäbe, dort dürfen wir nicht rein, Lokalverbot. Ihr versteht, ja? Nun ja, das wären wieder ein paar andere extrem ordinäre Geschichten. Ich fahre da also dann allein nach Hause, habe die irrste Story im Kopf und jetzt schreibe ich daran herum, ohne sie wieder zu finden. Passiert mir oft, muss ich zugeben. Die meisten Geschichten, die ich geschrieben habe, wurden ganz anders, als ich das von Beginn an wollte. Ja, manche Geschichten gab es zuvor gar nicht. Die wurden erst während dem Schreiben zu Geschichten, so etwas gibt es auch, massenweise, echt, da braucht Ihr gar so nicht blöd und ungläubig zu schauen. Da gibt es noch viel, viel Schlimmeres. Nämlich die Geschichten, die eigentlich gar keine Geschichte haben. Die gibt es sowieso am meisten. Die nehmen im Leben gar kein Ende und oft bringen sie sogar die meiste Kohle. Ja, und jetzt bin ich wieder mitten drin in meiner Geschichte, oder auch nicht. Wir werden sehen. Nun, ich war da also mit ein paar Gehirntoten und ein paar Gehirnlosen schwer unterwegs, genau. Es war wieder einmal so eine richtig schöne Luky-Like-Night. Luky und ich, wir haben wieder einmal Versöhnung gefeiert, soll ja vorkommen unter Freunden. Wir streiten uns oft fast bis aufs Messer, wo der Lee zum Beispiel in welcher Nummer den Lick oder den Triller oder den Riff zum ersten Mal gespielt hat, oder wo er den oder den Riff anders rum gespielt hat, und wenn dann keiner Recht hat, dann zücken wir die Tomahawks, die geistigen natürlich, und hauen sie uns auf den Schädel. Meistens hat natürlich der Luky recht. Und wir machen das, weil wir so gerne Versöhnung feiern und weil wir immer neue Ausreden brauchen, bei unseren Muttis, zum Eissi gehen, Ihr versteht. Und so eine Versöhnungsfeier wirkt immer, ist immer wieder neu. Zumindest verstehen die das, die Muttis, wenn sie nicht gerade zu den Hirnlosen zählen. Das kommt manchmal auch ganz auf die Mondstellung an oder auf die unstillbaren Blutungen. Wir also mitten im Versöhnen, immer mehr auf dem Weg ins totale Nirwana. Fällt aber nicht wirklich auf, da wo wir feiern, weil rund um uns alles am Versöhnen oder Entsöhnen ist und alle tief mit sich selbst beschäftigt sind. Nicht einmal der Chef in dem Laden ("Hoppala" in Marchtrenk) kriegt was mit, der ist hellauf von seiner Kindermusik (er steht auf Kinderchöre) und den gerade aktuellen "Deutschland, Deutschland über Alles - Hadern" begeistert. Er schwingt im Huntata auf und ab und spielt am Lichtschalter beim Eingang Lichtorgel. Ein, aus, ein, aus. Alles in echt überzeugender Begeisterung. Dazwischen nippt er an den Drinks, welche die Fertigsten aller Gäste in alles erbrechender Eile übrig gelassen haben. Der Wahnsinn zelebriert in diesem Lokal den Irrsinn, oder umgekehrt. Die Mücken sind tot oder schon erschlagen, es herbstelt, und die letzten Gehirne toter als tot und sowohl die Hirntoten als auch die Hirnlosen ergeben sich diesem tieferen Sinn. Luky erzählt uns gerade, wie er Anfang Juli beim letzten Zusammentreffen, als er Jung-Alvin beim Konzert in Mulhouse (France), besucht hat, den Alten Alvin nachher davon überzeugt hat, dass auch er (der Luky) dem Wahnsinn dieser Welt völlig ergeben ist. Luky fährt da also wegen einem Konzert alleine neun Stunden durch. Der Alte und der Junge Alvin umarmen also diesen Ur-Freak, der eine, weil nur noch selten ein Wahnsinniger wegen ihm so einen weiten Weg auf sich nimmt, der andere, weil er sich freut, dass das endlich mal einer für ihn macht. Und dann steigt man gemeinsam in den Bandbus und tauscht erst mal Nichtssagendes aus. Irgendwann kommt man dann natürlich zum Üblichen, zum Fanleben und -sein. Wie man dort hin kam, das hat er uns aber nicht erzählt, der Luky, das weiß er wohl selber nicht mehr. Jedenfalls kam er mit dem Alten Alvin auf dessen Gesamtwerk zu sprechen und der Luky zählte dem Alten Alvin alle Schallplatten, Singles und Longplayer, alle CD´s und Videos auf, ja sogar alle Platten, auf denen er als Gast mitgespielt hat, alles, was offiziell erschienen ist, in den letzten 35 Jahren. Mann, ist das lange her. Und da kam allerhand zusammen. Kein Hirnloser könnte das im leeren Schädel behalten, das kann nur ein meist Hirntoter. Und da sind wir wieder mitten in unserer Geschichte. Die ganz Gewieften von Euch werden ja inzwischen schon kapiert haben, um was es geht. Ich will Euch den Unterschied erläutern zwischen einem Hirntoten und einem Hirnlosen. Also passt auf und gebt nicht auf, falls Ihr mal hirnmäßig aussteigt, denn es wird noch verdammt spannend, das verspreche ich Euch. Verdammt, wo war ich? Ach ja! Also wieder zurück zum Nebenschauplatz (der Geschichte, für die (wahrscheinlich mehrheitlich) weniger Gewieften unter Euch). Jetzt ist es also sechs Uhr früh und der Durst ist nach wie vor riesengroß. Ich sitze da also vor meinem PC und hämmere wie ein Hirntoter in die Tasten. Das Problem ist nur, der viele, viele Alkohol behält meine Ordner oben im Kastl nicht ganz beisammen und so flippen halt die Gedankenspuren wirr durcheinander. Verzeiht bitte. Retour. Also der Luky zählt Old Alvin alle Alben auf, der Reihe nach, so wie sie nach und nach erschienen sind, mit Jahr und Tag, Verkaufszahlen, alle Musiker, die sich auf den einzelnen Rillen verewigt haben, Plätze in den Hitparaden in England, Germania und den USA. And Old Alvin says: "Hey Luky, hey, you know me better then me, yeah," and laughs. Und dann wollte der Luky auf einmal auch mit uns "Wetten dass" spielen. Auf diese Idee kam er aber wieder über einen Umweg. Vor Kurzem hat der Gottschalk nämlich wieder einmal eine gute Meldung vom Goscherl gelassen und die habe ich Luky erzählt. Gottschalk hat in einer Sendung im TV nämlich den Unterschied der Intellektuellen aus seiner Zeit zu den Intellektuellen von heute erklärt. Gottschalk meinte trocken: Die Intellektuellen zu seiner Zeit hätten gelesen, während das normale Volk vor der Glotze gehängt wäre und sich Sendungen wie "Wetten dass" und "Was bin ich" als Hirnschmalz rein gezogen hätten. Heute würden die Intellektuellen "Wetten dass" und die Proleten "Big Brother" schauen. Ist echt gut, oder? Was zieht Ihr Euch eigentlich so rein? "Wetten dass" und "Big Brother"! Auch gut! Seid irgendwo in der Mitte angesiedelt, soll mir recht sein, hahaha. Was wollte ich sagen? Mensch, was habe ich inzwischen für einen Rausch. Ihr müsst das so sehen: Ich nippe pro Absatz einmal lang und jeden zweiten Absatz drehe ich mir einen Van Nelle. Den letzteren würde ich mir ja gerne abgewöhnen, aber ohne ihn kann ich einfach nicht nachdenken. Wo bin ich? Ach ja, da fing Luky also an, mit uns "Wetten dass" zu spielen. Er wollte von Young Alvin, meinem Bruder Gerry (der auch ein ziemlicher Lee-Freak und auch sonst ziemlich freakig ist, zumindest möchte er das immer gerne sein, ganz reicht es leider oder oft auch Gott sei Dank nie bei ihm), und natürlich meiner Vielseitigkeit, wissen, ob wir auch wirklich echte Lee-Fans wären und ob wir, wie er, alle Alben vom Old Alvin aufzählen könnten. Na, da haben wir es ihm aber gezeigt. Das war schneller als bloß schnell, ja in "Null komma Josef", erledigt. Ratatata. Dann fängt der doch glatt damit an, dass das noch nicht alles gewesen wäre, was er Old Alvin da im Bus erzählt hätte. Er hätte ihm auch alle einzelnen Titel von allen Alben herunter geleiert. Dabei wäre Old Alvin dann, ohne dass das der Luky aber mit bekommen hat, während er seinem langsamen Hirntod entgegen starb, bedächtig eingeschlafen, wie ein kleines Baby, dem der Papi zum Bettgehen eine schöne, einschmeichelnde und beruhigende Geschichte erzählt. Und alle diese Nummern hätte er gewusst, ja er hätte sogar die meisten Nummern eingesungen, eingetrillert und eingeklopft. Der alte Alvin hätte ihn dann schwer gelobt und hätte ihm auch eine schwer sitzende und für alle Ewigkeiten anhaltende Seelenstreichelung verpasst, als er dann am Zielort, dem Hotel im nächsten Gig-Ort, wieder aufgewacht ist.
Und das Eigenartige bei der Geschichte war, dass ich gerade jene Nummern wusste, die am schwierigsten wären, wie der Luky vermeinte. Aber das sind ja meine Lieblingsnummern. Zum Beispiel die zweite auf der ersten TYA-Longrille (I can´t keep from crying, sometimes) oder die dritte auf "A space in time" (I´d love to change the world"), usw. Nach ungefähr einer halben Stunde oder auch länger hatten wir die Sache im Kasten, und wir waren trocken bis in den letzten Mundwinkel und mussten darauf anstoßen. Prost. Gsuffa. Und das von einem Haufen (manchmal!) Hirntoter. Echte Leistung, oder? Sag nein und es knallt. Bin echt scharf momentan. Glück für die Tussi, dass sie nicht da ist, so muss halt die Tastatur von meinem PC dran glauben. Ratatata. Was wollte ich gerade sagen, schreiben? Ach ja, ich wollte Euch den Unterschied verdeutlichen zwischen den Hirntoten und den Hirnlosen. In Österreich gab es da mal einen berühmten Bänkelsänger, der hat es mit seinen einfach gestrickten Null komma Josef - Songs mehrmals bis zur Nummer Eins vom Wienerwald, ja bis ins nachbarliche Bayernland und noch weiter geschafft. "Schifoarn" soll ja sogar in der Schweiz Nummer eins gewesen sein, wenn es wahr ist. Dieser Super-Freak, dieser Oberhirntoteste aller Hirntoten Österreichs, hat sich doch einmal in seinem Suff nach einem Konzert vom damals noch jüngeren Alvin in Wien (es war Anfang der 80er, also auf dem Höhepunkt dieses Hirntoten) zu der Aussage verstiegen, es muss im Suff oder gar im Drogenrausch gewesen sein, anders kann ich mir das nicht vorstellen, ja was wohl: Was wollte ich sagen? Ach ja, dass "wir alle heute den Grabgesang eines ausgebrannten Woodstock-Stars gesehen und gehört hätten. Ein ewiges Tonleiter rauf und runter. Der würde es wohl nicht mehr lange machen, er wäre wohl in einem Meer von Sex, Drugs, vor allem Drugs & Rock´n´Roll den selig machenden Hirntod gestorben, usw." Zu dieser Zeit hat dieser Oberste aller Hirntoten Österreichs unter dem Eindruck dieses Konzerts sogar eine Nummer verfasst, die auch auf Longplayer erschienen ist: "Lebendes Relikt". Vielleicht hatte er damals schon seine eigene Zukunftsvision?
Nennt den großen Alvin doch glatt einen Hirntoten und war selber Zeit seines Lebens nie mehr als etwas mehr als eine glatte Null. Kugel. Bumm. Punkt. Ende. Future. Der hat wohl damals geglaubt, er wäre schon so groß, dass ihn keiner mehr vom hohen Thron stürzen könnte. Und was wurde aus dem damals noch selber zu den Hirntoten zählenden heute? Ein lebendes whiskey-durchtränktes Relikt! Ich denke, er hat sich damals mit diesen Äußerungen selbst schwer disqualifiziert und für den Rest seines Gstanzelsängerlebens unter die Hirnlosen eingereiht. Dabei muss ich zugeben, dass viele seiner Nummern gar nicht so schlecht waren und ich sie ab und zu ganz gerne gehört habe und auch heute noch gerne höre. Es sei ihm von mir aus verziehen, ist ja schon Schnee von Gestern und er ein armes "Eh schon wissen". In dieser Nacht jedenfalls hat er sein Ende herbei gesülzt und das weiß er wahrscheinlich nicht einmal. Er hat über einen Hirntoten, also einen Kollegen, den Stab, die Lanze gebrochen, noch dazu über einen, der weit über ihm stand und heute noch dort steht. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er noch immer eine verdammt gute Gitarre spielt, duddldididadiduddle, also schön rauf und runter. Er ist über einen Musiker höchsten Kalibers her gezogen, dem er nicht einmal in seinen allerbesten Zeiten auch nur ein Haucherl von einem musikalischen Lüfterl entgegen zu setzen hatte. Old Alvin agierte mehr als 10 Jahre lang in der Champions-League des Rockbusiness ganz oben. Und dass er heute offiziell gesehen nicht mehr dort anzutreffen ist, liegt nicht an seiner erlahmenden Fingerfertigkeit, sondern an seiner unbeugsamen Haltung der profitgierigen und schnelllebigen Musikindustrie gegenüber. Er macht noch immer das, was er am Besten kann und liebt. Dennoch kann Old Alvin auch heute noch auf eine große Fangemeinde weltweit zurück greifen. Old Alvin war niemals ein journalistischer Speichellecker und wenn er sich deshalb manchmal als Riesen-Arschloch entpuppte, so war dies für ihn überlebensnotwendig, um sich seinen privaten Freiraum zu bewahren. Dies trifft auch auf sein Verhalten vielen treuen Fans gegenüber zu, die ihn nach den Konzerten oft direkt erdrückt haben. Manche Leute glauben ja, wenn sie die Eintrittskarte kaufen, kaufen sie Dich gleich mit, samt Leib und Seele. Wenn da einer nicht zeitweise zum letzten Arsch wird, kann er nicht überleben in dem Business, der hat keine Chance, noch dazu, wenn er ein zartes Pflänzchen ist. Und der Alte Alvin ist eines der zartesten Pflänzchen überhaupt, die es in Sachen moderner Musik auf diesem Planeten je gegeben hat. Lee hat auch heute noch eine irre Bühnenpräsenz, an die nur die Wenigsten rankommen. Selbst Young Alvin sagt hiezu, dass Old Alvin auf der Bühne noch immer genügend Pfeffer versprüht und es eine Freude ist, mit ihm eine Show kraftvoll durchzuziehen. Und Lee hat der Musikwelt so viel gegeben, wie kaum ein anderer. Er hat in seinem ganzen Leben nur einen einzigen Fehler gemacht: Er ist nicht rechtzeitig wie Hendrix und Co. abgetreten. Echt, als Hirntoter sagt man so etwas nicht, schon gar nicht als Wichtiger vor versammelter Presse. Da steht dann am nächsten Tag in der Zeitung: Zitat "Zwickt´s mi", und die Leute, die ja allesamt von Nichts wirklich ne Ahnung haben, glauben das dann auch noch, weil es hat ja der "Zwickt´s mi" gesagt, da muss es ja stimmen. "Guat, dass ma net hingaunga san, hauma uns in Eintritt gspoart. Und s´nächste moi brauch ma a net hingeh, do spoar ma wieder." So was denkt sich so einer nicht einmal, schon gar nicht laut, sonst redet man sich ins Grab. Und so war es dann ja auch. Heute sparen sich die Leute bei ihm den Eintritt. Der Typ ist heute Großer Häuptling aller Nachtwächter vom Zentralfriedhof in Wien und übt sein musikalisches Gehör fast nur noch beim Glockenläuten, vor, während und nach den zahlreichen Zugrabetragungen, die es dort täglich gibt. Die Leute freut das natürlich, kommt immer gut an, können dann noch jahrzehntelang davon reden, dass da "Zwickt´s mi" das Begräbnis vom alten Aloisonkel oder von der pingeligen alten Peppitant ein- und ausgeläutet hat. Schön war´s, echt, so schön. Der kann wirklich läuten, da "Zwickt´s mi". Ton für Ton echt gailtalerisch. Ein Wahnsinn war´s. Wenn Ihr heute den großen Jugendfunk in Österreich abhört, ist nichts mehr mit "Zwickt´s mi" und "Zentralfriedhof". Anglicisti und fremdes Sprachli ist angesagt. Und Jim-beam-bumsti-bum-bum. Die Ratten haben den Braten der zukünftigen Hirnlosigkeiten gerochen und sind noch schnell vom sinkenden Dampfer "Musicalium Austriacum" abgesprungen. Die Oberratte heißt sogar so, glaube ich: Rattitsch, oder so ähnlich, irgend so ein fremdes Sprachli halt. Zufälle gibt´s, die gibt´s gar nicht. Echt. Nicht, dass ich etwas gegen Fremdsprachler hätte. Aber zur Abwechslung mal einen zünftigen Deutsch- oder Österreich-Rock spielen, täte auch keinem weh und dem einen oder anderen sogar gut und alle wären wieder zufrieden. So zelebriert man nur einen neuen Hass, aber manche Leute scheinen ja darauf zu stehen, wenn sie sich aufspielen können und die anderen ausflippen. Dann können sie nachher sagen: "Nau, hob i net recht koppt. Des is a gaunz a Besa." Es gibt wohl seit gut fünfzig Jahren kaum ein Volk auf diesem Planeten, das von seiner eigenen Musikkultur so wenig überzeugt ist, wie das deutsch-österreichische. Der ewige Uralt-Huntata, so lange Stück für Stück abgespeckt, bis die absolute Primitivität wirklich nicht mehr steigerbar ist, regiert hier die Szene. Ist aber auch kein Wunder, wenn man das Gro der Leute, die der Szene früher Leben eingehaucht hat, in einem Anfall von Hirnlosigkeit vergast und den Rest verjagt und dann auch noch im fruchtig dahin keimenden Selbstmitleid standhaft negiert, so als hätte es diese Leute nie gegeben. Der Pfad zwischen hirntot und hirnlos sein ist schon verdammt schmal. Man könnte auch sagen, zwischen Genie und Wahnsinn oder besser noch zwischen Sein und Nicht-Sein. Solange man noch zu den Hirntoten zu zählen ist, hat man immerhin noch die Chance, dass einem ab und zu ein Lichtlein aufgeht oder dass man von der Muse, aus welchen Gründen auch immer, wieder zärtlich wach geküsst wird. Soll ja vorkommen. Schon oft wurde einer abgeschrieben und hat es dann allen wieder gezeigt. Wie oft ist ein John Lee Hooker schon tot geschrieben worden. Aber noch schlimmer wird es, wenn keiner mehr über einen schreibt, da ist man dann noch toter als tot. So geht es seit mehr als einem Jahrzehnt unserem Herren Nachtwächter. Und wenn man dann doch mal wieder etwas von ihm hört, dann nur, wie er sich von einem schleimigen Geldanleger, den er zu seinem Freund auserkoren hat, ausnehmen hat lassen. Mann bin ich fertig. Jetzt wird es elf Uhr. Ich bin "zuer" als zu, habe einen irren Hunger und keine knusprige Schweinshaxen von der Oma im absolut leeren Kühlschrank, zumindest was Fressalien betrifft, zum Saufen wäre noch genug da. Der McDonald ist zwar um die Ecke, aber ich habe echt keine Lust mehr dort hin zu hatschen. Werde wohl hungrig den Hirntod sterben und mich lang hinlegen und von einer schönen Frau träumen oder was immer oder was da halt sonst noch so dazu gehört. Ihr versteht mich sicher. Soll ja keine Schande sein, habe ich gehört. Regelt die Durchblutung. Das war echt mal wieder ein Tag heute, wie es ihn öfters geben sollte. So eine Nacht in Gesellschaft mit ein paar netten Hirntoten, denen manchmal ein helles Lichtlein leuchtet, kann echt amüsant sein. Zähle mich gerne dazu, noch dazu, wo der Alte Alvin da jetzt angeblich auch dazu gehört. Besser als hirnlos sein. Weiß in meinem Zustand natürlich nicht mehr, in wie weit ich da recht habe. Ist mir aber echt wurscht. Mann bin ich müde. Die Augen brennen. Seit zwei Stunden blinzele ich auf den Bildschirm. Immer ein Auge zu. Fühlt sich an, wie eine Hand voll Sand unter den Lidern. Diese Stunden kosten mich sicher wieder eine Dioptrie, dabei reichen mir schon die fünf, die ich eh schon habe. Und das Kreuz mit dem Kreuz ist auch nicht ohne. War nett mit Euch zu plaudern, echt, wurscht, ob hirntot oder hirnlos. Wie viele von Euch sind eigentlich bis jetzt bei mir geblieben? Sind noch ein paar Hirnlose da? Eh klar. Ab und tschüss. Keep on rockin´ , bis demnächst, Lothar. Linz, 22.10.2000
Erste Kritiken zu dieser Geschichte:
Hi Lothar! Liebe Grüße Luky, Linz, 23.10.2000 Hallo Buji! So hieß doch auch der Mandorfer-Hund, der von Alfred Scharinger vor rund 20 Jahren im Hörschinger "HOF" wegen Altersschwäche in den Brunnen versenkt wurde. Gott hab ihn selig! Tschüß einstweilen Luky, Linz, 25.10.2000 (Übrigens für alle, die nicht wissen, was ein "Buji" ist: ein Bujerl, Buh, Schoaß, Fahrer, Leiser, Stinker, Kracher, Wind. Wenn Euch noch was einfällt, dann schreibt mir doch. Wäre echt nett.)
|